Auswandern mit Kindern

Auswandern mit Kindern

Ich habe mich schon oft beim Gedanken ertappt, einfach alles stehen und liegen zu lassen und bis auf weiteres die Welt zu bereisen. Oder einfach mal wieder ein paar Jahre im Ausland zu leben. Die vier Jahre in London – gemeinsam mit meiner Frau – waren damals eine unvergessliche Zeit.

Aber mit unseren zwei kleinen Kindern ist solch ein Abenteuer heute ein ganz anderer Schnack. Schule, Gesundheitsversorgung, Sprache, Kultur… Die potenziellen Probleme, oder aber Herausforderungen, wirken überwältigend.

Aber ist es wirklich so schwierig? Michaela ist aus beruflichen Gründen viel rumgekommen und hat ihre zwei Teenager-Söhne in verschiedenen Ländern großgezogen – Italien, Norwegen, Portugal. In diesem Gastbeitrag berichtet Michaela, wie sie mit den Herausforderungen umgegangen ist und geht dabei auch auf die finanziellen Themen ein.

Eine beeindruckende Geschichte über das Auswandern als Familie.

Auswandern mit Kindern – Wie ich die Herausforderungen gemeistert habe

Hallo, ich bin Michaela und ich wohne seit 2019 mit meiner Familie in Portugal. Mein Mann ist auto- und motorradverrückt und meine zwei Jungs, 12 und 14 Jahre, sind sportbegeisterte Third Culture Kids (TCKs). Was das bedeutet, dazu komme ich später. Wir sind in den letzten Jahren im Durchschnitt alle 4 Jahre umgezogen. Mein jüngerer Sohn ist in Rom geboren und hat in Italien einen Teil seiner Kindergartenzeit verbracht. Mein älterer Sohn ist in Italien 3 Jahre im Kindergarten gewesen.

Zum Schuleintritt sind wir dann wieder nach Deutschland zurückgezogen. Von 2015 – 2018 lebten wir als Familie in Norwegen, waren 2019 für ein Jahr in Deutschland und jetzt sind wir in Portugal. Klingt stressig und aufregend zugleich? Ist es auch! Auswandern mit Kindern ist eben kein Pappenstiel! Die letzten Jahre waren tatsächlich sehr anstrengend und wir planen nun in Portugal erstmal zu bleiben. Besonders auch wegen der Tatsache, dass pubertierende Kinder etwas anderes sind als kleinere Kinder.

Was zum Teufel ist eine Third Culture?

Doch zurück zu den TCKs. Warum sind unsere Kinder sogenannte Third Culture Kids? Sie haben einen Teil ihrer Entwicklungsjahre in einer fremden Kultur verbracht. Durch die Elternkultur ist dies aber nicht ihre ureigene Kultur. Sie haben also zwei Kulturen (oder zwei Herzen in ihrer Brust) in sich vereint, was nun eine dritte Kultur hervorbringt. Eine Mischung sozusagen aus Gastlandkultur und Heimatkultur.

Wie sieht das in der Praxis aus? Unsere Kinder z.B. haben im Kindergarten gelernt, dass es mehrere Gänge beim Essen gibt. Essen ist in Italien enorm wichtig (und extrem lecker). Zuerst gibt es Pasta, dann Fleisch oder Fisch und als Nachspeise Obst oder Pudding. Auch heute noch isst mein Sohn Pasta und Fleisch nicht zusammen. Unvergessen auch die italienischen Kinderreime und Lieder. Unsere zwei Söhne konnten besser Italienisch sprechen als deutsch und haben jeden Morgen die italienische Nationalhymne gesungen. Auswendig versteht sich.

Es gab Zeiten in Italien, da haben wir als Eltern befürchtet, dass die Kinder niemals Deutsch lernen würden. Alle Bemühungen, deutsche Kinderbücher zu etablieren, war ein schwieriges Unterfangen. Noch heute kann ich die kleinen Büchlein mit Kindergeschichten auswendig hersagen.

Sprachen lernen, Sprache vergessen

Meine Kinder konnten sich jedoch schon einige Monate nach der Rückkehr nach Deutschland an keine einzige Geschichte mehr erinnern. Auch die guten Italienischkenntnisse waren wie weggeblasen. Aus den Augen aus dem Sinn. Kinder sind so viel flexibler als wir annehmen. Gerade bei Kindern im Kindergartenalter geht der Umstieg relativ schnell. Das ist bewundernswert und macht mich geradezu neidisch. Das gute italienische Essen vermisse ich übrigens bis heute.

So schön die Kindergartenzeit auch war, die Kosten dafür sind nicht ohne. Nur staatliche Einrichtungen sind frei, private Einrichtungen können teuer sein, je nach Standard. Es gibt auch deutsche Kindergärten. In Rom gibt es eine deutsche Schule, in der auch ein Kindergarten integriert ist. Wir haben nicht in Rom gewohnt, sondern ca. 30 km südlich davon. Dort besuchten unsere Kinder einen privaten Ganztagskindergarten mit fast ausschließlich italienischen Kindern. Deshalb konnten sie die Sprache natürlich ziemlich schnell erlernen.

Andere Länder andere Sitten

Natürlich war nicht alles rosig und schön. Das wird sich der ein oder andere schon gedacht haben bei dem Thema Auswandern mit Kindern. Unserem Sohn ist mit 3 Jahren der Wohnzimmertisch auf den großen Zeh geknallt. Der Tisch war zwar klein, aber doch relativ schwer und beim Spielen ist er umgekippt. Der große Zeh meines Sohnes schwoll stark an und es blieb uns nichts anderes übrig, als in die Notaufnahme zu fahren. Dort wurde sofort geholfen, doch das Wie war doch ziemlich erschreckend. Eine Nadel wurde erhitzt und ohne Betäubung in den geschwollenen Zeh gerammt. Doch sehr rustikal, aber es hat geholfen.

Trotzdem kann ich sagen, dass meine größte Angst wirklich war, in ein staatliches Krankenhaus zu müssen. Ich bin schon ein ziemlicher Angsthase (zumindest was Krankenhäuser betrifft). Dieses Erlebnis ist zwar schon einige Jahre her, aber das Gesundheitswesen ist doch nicht so ausgeprägt wie in Deutschland. Auch hatten wir in unserem angemieteten Haus eine Warnung, dass das Wasser aus dem Hahn Arsen enthalten könnte. Der Schock saß bei uns tief, während die italienischen Nachbarn das alles viel gelassener aufnahmen. Die „German Angst“ sitzt doch tiefer als man so denkt.

Der eigentliche Kulturschock kam für unsere Kinder, als wir wieder in Deutschland lebten. Die strengen Regeln im Kindergarten und dann in der Grundschule, die vielen Kinder in einer Gruppe, alles war so anders. Unsere Kinder fühlten sich fremd und irgendwie anders. Nach ein paar Monaten verflüchtigte sich dieses Gefühl jedoch und sie begannen, sich anzupassen, neue Freunde zu finden, auch und gerade durch den Fußballverein.

Ab in den Norden

Das Leben in Norwegen war dann wieder ganz anders.

Unsere Kinder waren zu Beginn in der 4. und 2. Klasse und besuchten eine internationale Schule. Die Kosten für solch eine Schule lohnen sich, gerade für Kinder, die oft umziehen, ist es ideal. Denn auf solchen internationalen Schulen sind sehr viele Nationalitäten vertreten und jedes der Kinder ist ein Third Culture Kid. Das verbindet diese Kinder, denn hier sind sie nicht der Exote, sondern ganz normal. Es geht freundlich und herzlich zu und jeder versteht die besondere Situation.

Das Leben in Norwegen mit Kindern könnte ein Traum sein. Die Norweger sind sehr kinderfreundlich und fast alles ist für ein Leben mit Kindern ausgerichtet. Wenn da nicht eine klitzekleine Kleinigkeit wäre? Das Wetter. Wir lebten zwar im Süden von Norwegen, aber trotzdem, so gefroren habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht. Dazu der ständige Nieselregen, wirklich gewöhnungsbedürftig. Die Nachbarn hatten Mitleid und sagten uns, dass es nur wenige der Fremden schaffen, das raue Klima auf die Dauer auszuhalten. Die da Hineingeborenen sind das Klima natürlich gewöhnt, auch die kurzen Tage mit wenig Licht im Winter. Vitamin-D-Tabletten waren für uns Pflicht.

Die Jungs hassten diese Fischdrops (Vitamin-D-Ersatz), aber es half nichts. Bei Sonnenschein war dafür die Welt großartig im hohen Norden. Noch heute schwärmen meine Kinder von Norwegen. Einer meiner Söhne sagte neulich sogar, dass er vielleicht wieder nach Norwegen gehen würde, wenn er groß ist.

Die Probleme im Gepäck

Das neueste Land Portugal ist neu und anders. Diesmal gehen unsere Kinder in die deutsche Schule in Lissabon und haben somit keine größeren Probleme mit der Sprache. Portugiesisch zu lernen ist jedoch eine Herausforderung, für die Kinder und für die Erwachsenen.

Ob wir hier für längere Zeit bleiben werden? Vielleicht, eine längere Aufenthaltsdauer ist zumindest geplant, auch oder gerade der Kinder wegen. Denn bei all den positiven Aspekten des ständigen Umziehens ist es auch eine Belastung. Und für die Jungs beginnt jetzt eine Zeit, in der sowieso alles anders wird, vom Kind zum Jugendlichen ist eine besondere Zeit. Plötzlich werden die Eltern so komisch und eine Kleinigkeit kann den Weltuntergang bedeuten. In dieser schwierigen Phase wird es uns ganz guttun, auf einem Fleck zu bleiben. Vorerst einmal.

Aber wo fühlen wir uns zuhause? Wir sind da zuhause, wo wir gerade sind. Im Moment ist unsere Heimat Portugal, wenn wir in Deutschland leben, dann ist es Deutschland. Es gibt überall nette und weniger nette Menschen und es gibt überall Probleme und Sorgen. Wenn man denkt, man muss nur in ein anderes Land auswandern und alles wird anders, dann ist das ein Trugschluss. Man nimmt sich selbst ja immer mit. Wenn ich vor dem Auswandern schon Probleme in der Ehe oder mit den Kindern hatte, dann werden diese Probleme auch im Ausland nicht verschwinden. Ganz im Gegenteil, der Stress und die Anspannung, die Veränderungen so mit sich bringen, werden die Probleme noch verstärken.

Finanzen spielen immer eine Rolle, egal wo

Aber wie ist das finanziell? Nun gut, das kommt darauf an.

Wenn der Arbeitgeber einen seiner Mitarbeiter ins Ausland schickt, so wie bei uns, dann bedeutet das meistens, mehr Einkommen. Oft werden einige Kosten vom Arbeitgeber übernommen. Für Selbständige kann das auch zutreffen, das einfach mehr Geld hängenbleibt, weil z.B. die Lebenshaltungskosten niedriger sind. In Norwegen (kein EU-Land, Währung Norwegische Kronen) sind die Lebenshaltungskosten höher als in Deutschland, dafür sind die Gehälter aber auch höher. In Italien und Portugal dagegen umgekehrt, die Gehälter sind niedriger, aber die Lebenshaltungskosten auch. Somit gleicht sich dies wieder an.

Für Auslandsaufenthalte ist eine private Krankenversicherung für jeden ein Muss, der Wert auf eine gute Gesundheitsvorsorge legt. Die privaten Krankenhäuser in Italien wie auch in Portugal sind erheblich besser ausgerüstet als die staatlichen. In Norwegen ist die staatliche Gesundheitsversorgung dagegen gut. Allerdings werden die Patienten nicht so oft operiert und auch die Mentalität gegenüber Krankheiten ist etwas anders. Für Leute, die gesundheitliche Probleme haben, oder mit Kindern, die gesundheitliche Probleme haben, sind die meisten Länder, meiner Meinung nach, schlechter geeignet zum Leben als Deutschland. In Deutschland gibt es eine staatliche Gesundheitsvorsorge, die ziemlich einzigartig ist.

Altersvorsorge – auch oder gerade für Auswanderer

Die Rente und die Absicherung dazu ist ein großes Thema für Auswanderer. Hier macht es Sinn, sich darüber Gedanken zu machen. Privat vorzusorgen ist absolut notwendig. Wir haben unser Eigenheim in Deutschland vermietet und investieren in Aktien als Altersvorsorge. Bei Immobilienbesitz in Deutschland müssen die Mieteinnahmen in Deutschland versteuert werden. Aber natürlich gibt es auch in anderen Ländern Steuern auf Mieteinnahmen.

Es ist fast zwingend, sich mehr Gedanken über Finanzen an sich zu machen, wenn man im Ausland lebt oder leben will. Gerade die Schule und die Ausbildung der Kinder können sehr viel teurer sein, als wir das in Deutschland gewohnt sind. Vieles ist nicht so strikt geregelt in anderen Ländern. Oftmals (gerade im Süden) gibt es zwar jede Menge Gesetze und Regelungen, aber daran gehalten wird sich normalerweise nicht. Hier lauern ziemlich viele Fallstricke für Ausländer. Die ungeschriebenen Gesetze eines Landes bekommt man erst mit längerer Aufenthaltsdauer mit.

Fazit

Das Leben im Ausland mit Kindern ist vor allem dann ziemlich unkompliziert, solange die Kinder klein sind. Sprach- oder Berührungsprobleme in einem anderen Umfeld kennen die Kleinen noch nicht. Sie sind neugierig, anpassungsfähig und lernbegierig. Besonders die Sprache picken die Kinder in null Komma nichts auf. Auswandern mit kleinen Kindern ist somit am einfachsten.

Mit schon etwas größeren Kindern wird es etwas schwieriger, kommt aber auch sehr auf die Kinder selbst an. Manche Kinder haben keinerlei Probleme, sich schnell in einem völlig fremden Umfeld einzuleben. Andere Kinder hingegen tun sich einfach schwerer. Die meisten werden es nach einem Jahr genießen, aber eine Garantie gibt es nicht. Kinder sind so verschieden, dass es auch Kinder geben kann, die extreme Sehnsucht nach dem vertrauten Zuhause haben können und dann kann es für die Familie sehr belastend sein. Schuldgefühle der Eltern, die Kinder aus der gewohnten Umgebung gerissen zu haben, können das Ganze noch verschärfen.

Die schwerste Zeit mit Kindern auszuwandern ist wohl die Zeit der Pubertät. Umziehen und Pubertät ist schon innerhalb von Deutschland schwierig. In ein anderes Land auszuwandern ist doppelt belastend. Es ist schwierig, doch auch hier gilt: „Jeder Jeck ist anders“. Es ist nicht auszuschließen, dass es auch hier Familien gibt, die das völlig problemlos hinkriegen.

Auf jeden Fall ist das Leben in einem anderen Land ein Abenteuer und eine Herausforderung, die sich meistern lässt. Wie alles im Leben ist es mit Höhen und Tiefen verbunden und nicht jedes Land ist so, wie sich das die Leute so vorstellen. Ein schönes Urlaubsland muss nicht zwangsläufig ein super Auswanderungsland sein. Denn der Alltag muss überall bewältigt werden. Jedes Land hat so seine Vor- und Nachteile und das perfekte Land wird man wohl schwerlich finden. Denn irgendwas ist ja immer!

Doch mit der richtigen Einstellung und der Portion Abenteuerlust, mal was Neues zu wagen, klappt es ganz gut mit Auswandern mit Kindern. Die Einstellung der Eltern beeinflusst sehr, wie die Kinder die Auswanderung erleben. Gehen die Eltern positiv und aktiv Probleme und Widrigkeiten an, dann werden die Kinder das übernehmen. Eine Portion Humor kann dabei nicht schaden. Manchmal fühlt man sich in fremdem Terrain eben wie ein Idiot. Über sich selbst lachen zu können, hilft ungemein und entschärft so manche peinliche Situation. Also nur Mut, das Auswandern mit Kindern ist möglich und die Herausforderungen können gemeistert werden.


Michaela ist eine wirtschaftsbegeisterte Viel-Leserin, die neugierig und offen den Merkwürdigkeiten des Lebens begegnet. Auf ihrem Blog www.finance-and-life.com möchte sie die Leser ermuntern, sich mit ihren Finanzen auseinanderzusetzen und ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen.

Auswandern mit Kindern

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2 Kommentare

  1. Hallo Michaela,

    Wir haben ähnliche Erfahrungen gemacht. Ich erinnere mich noch heute an den Moment, als ich in unser damaliges Wohnzimmer kam, und unsere große Tochter fließend in einer Fremdsprache mit ihren Stofftieren spielte. Ich verstand kein Wort. 😀

    Auch wir leben gerade mit unseren Töchtern – 9 und 6 – wieder einmal im fernen Ausland und genießen die Höhen und durchleiden die Tiefen. Der Virus hat uns einen Strich durch unseren Sommerurlaub in der Heimat gemacht.

    Wir werden voraussichtlich noch zwei bis drei Jahre an unserem jetzigen Standort bleiben und dann… tja. Weiterziehen? Zurückziehen? Mit den Mädchen dann bei elf und acht fühlt es sich an, als wäre die nächste Location die, in der wir die Pubertät durchstehen müssten. Das will also gut überlegt sein, und lässt sich gleichzeitig doch nicht wirklich planen. Aber da kommt dann wieder die „richtige Einstellung“ ins Spiel, will sagen: ungezügelter Optimismus mit einer großen Portion Gelassenheit.

    Danke für Deine Einsichten, alles Gute nach Portugal!

    Alberich

    1. Danke für Deinen Kommentar. Es ist immer schön, von anderen zu hören, dass sie ähnliche Erfahrungen machen. Die nächste Phase wird wohl wirklich ein bißchen schwieriger werden. Aber wie Du es so schön gesagt hast, mit ungezügeltem Optimismus und Gelassenheit wird es klappen, wo immer ihr auch sein werdet. Da bin ich ganz fest von überzeugt. Mir gefällt „ungezügelter Optimismus“, das ist eine sehr schöne Einstellung. Manchmal kommt es dann doch ganz anders wie geplant. Viel Glück.

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