Was ich von meinem Sohn über Glück lernen kann

Sohn Glück

Vor 19 Monaten lernte ich meinen besten Freund kennen.

Einen besseren Kumpel hätte ich mir nicht wünschen können.

Jeden Tag bringt er mich zum Lachen, durch seinen ganz speziellen Humor. Es geht meist derbe zu. Wir streiten uns oft. Doch jeden Tag, bevor wir uns verabschieden, vergessen wir allen Streit und nehmen uns in den Arm.

Er akzeptiert mich so wie ich bin. Ganz ohne Vorurteile. Er sortiert mich nicht in irgendeine Schublade oder bewertet mich nach meinem Äußeren. Er ist nicht nachtragend und verzeiht mir immer. Selbst wenn ich ihn verärgere oder traurig mache. Es wird niemals langweilig mit ihm. Seine Kreativität kennt keine Grenzen.

Ich bin so glücklich ihn kennengelernt zu haben.

Du ahnst es schon.

Ich rede von meinem kleinen Sohn Heiermann. Er ist vor etwas über eineinhalb Jahren in mein Leben getreten und hat von heute auf morgen alles verändert. Das Leben ist nicht mehr das, was es einmal war.

Heiermann schätzt die einfachen Dinge im Leben

Heiermanns Leben ist sehr viel einfacher als meines. Sein Blickwinkel ist ein anderer.

Er kennt keine Komplexität, nimmt nur einen kleinen Ausschnitt dieser Welt war. Trotzdem scheint er dadurch nicht unglücklicher zu sein als ich. Im Gegenteil.

Ich kann jeden Tag beobachten, was ihn glücklich macht.

  • Nach dem Aufwachen kuscheln
  • Brot mit etwas Butter zum Frühstück
  • Mit Hoppi durch die Gegend hüpfen
  • Kitzeln und gekitzelt werden
  • Neue Dinge entdecken und erkunden
  • Autos und Flugzeuge beobachten
  • Mit seinem besten Kumpel spielen

Er braucht nicht viel in seinem Leben.

Die einfachen Dinge scheinen Heiermann am glücklichsten zu machen. Er mag es nicht alleine zu sein, ganz ohne Spielkameraden. Heiermann braucht immer Menschen um ihn herum, damit er sich am glücklichsten fühlt.

Konsum, Statussymbole, Geld?

Er macht sich keine Gedanken um Konsum.

Es ist ein völlig fremdes Konzept für ihn. Er bewertet Dinge nicht monetär und es ist ihm egal, wie viel Geld etwas kostet. Er kennt keine Statussymbole. Seine Freunde in der Krabbelgruppe lassen sich nicht davon beindrucken, mit welchem Auto – oder in unserem Fall Fahrrad – er vorfährt.

Heiermann ist ein Gewohnheitstier.

Er braucht nicht jeden Tag etwas Neues. Er ist glücklich mit dem was er hat. Je einfacher der Tagesablauf, desto besser für ihn. Wir schauen uns jeden Morgen die gleichen Kinderbücher an und er schmeißt sich immer wieder weg, wenn wir die Geräusche der Tiere darin nachmachen.

Er strebt nicht ständig nach neuen Dingen in seinem Leben.

Während wir es für völlig natürlich halten, uns ein schnelleres Auto, größeres Haus, neueres iPhone kaufen zu wollen, ist es ihm relativ egal. Er ist glücklich mit dem, was da ist und nicht unglücklich über das, was er nicht hat. In Heiermanns Leben gibt es sehr viel weniger Auswahlmöglichkeiten als in meinem.

Heiermann kennt kein Geld.

Er hat bereits alles, was er zum Leben braucht. Was sollte daher Geld noch für einen zusätzlichen Nutzen bringen? Er könnte niemals verstehen, warum zwei Menschen wegen etwas bedrucktem Papier in Streit geraten.

Seine Gefühle zum Ausdruck zu bringen, ist völlig normal für Heiermann.

Er kann und will sie nicht zurückhalten. Wenn er sich freut, dann strahlt er über das ganze Gesicht. Wenn ihm etwas missfällt oder er frustriert ist, schießen ihm die Tränen in die Augen. Wenn er müde ist, dann gähnt er völlig ungeniert. Wenn er sich vernachlässigt fühlt, dann schreit er laut, um auf sich aufmerksam zu machen. Er versteckt seine Gefühle nicht. Er lebt sie aus.

Und ich?

Mein Leben ist anders.

Geld und Konsum spielen eine andere, viel größere, Rolle.

Ich stelle einen beträchtlichen Teil meiner Zeit meinem Arbeitgeber zu Verfügung, im Austausch gegen Geld. Das Einkommen nutze ich dann dafür, mir Dinge zu kaufen, die ich meist nicht wirklich brauche oder für ein Haus zu zahlen, was eigentlich zu groß ist.

Ich verbringe zu wenig Zeit mit den Menschen, die mir am meisten bedeuten.

Stattdessen habe ich viel Kontakt mit Kollegen, die ich mir nicht ausgesucht habe. Einige davon sind gute Bekannte oder sogar Freunde, aber viele bedeuten mir nichts. Warum verbringe ich nicht mehr Zeit mit meiner Familie? Wenn ich abends nach der Arbeit durch die Haustür komme, lässt Heiermann alles Spielzeug liegen und springt mir in die Arme. In diesem Moment fühle ich mich einfach nur glücklich.

Ich zeige selten meine Gefühle.

In der Schule, im Studium und im Arbeitsleben, habe ich gelernt, meine Gefühle zu verbergen. Ich weine fast nie, lache seltener als ich es tun sollte und schreie nicht auf, wenn ich mich missverstanden oder vernachlässigt fühle. Ich umarme nicht oft genug meine Liebsten, wenn ich mich nach Nähe sehne. Warum erlaube ich mir nicht, öfter auszudrücken, was ich in meinem Innersten fühle?

Mein Leben ist viel komplexer als Heiermanns.

Ich muss jeden Tag eine Vielzahl von Entscheidungen treffen und trage Verantwortung auf meinen Schultern. Ich beneide ihn, dass er so frei und glücklich sein kann.

Es wird nicht für immer so sein

Leider erkenne ich bereits, dass sich auch Heiermanns Welt zu verändern beginnt. Er fängt jetzt an, Spielzeug haben zu wollen, nur um es dann nach einigen Malen spielen links liegen zu lassen. Sein Leben in der Krabbelgruppe wird fremdbestimmter und er muss sich immer öfter unterordnen. Sehr langsam beginnt die Welt um ihn herum, komplexer zu werden.

Das ist schade, aber leider nicht zu verhindern.

Notwendig, ist wohl das passende Wort.

Was kann ich konkret von Heiermann lernen, um glücklicher zu werden?

  • Ich sollte die einfachen, alltäglichen, Dinge stärker wertschätzen und genießen.
  • Ich muss mir bewusster machen, das Konsum und Statussymbole mich nicht glücklicher machen, sondern eher das Gegenteil bewirken.
  • Ich sollte mein Leben entschleunigen und Komplexität vermeiden.
  • Ich will versuchen, mehr den Moment zu genießen, mir weniger Sorgen um die Zukunft zu machen.
  • Ich sollte das wertschätzen, was ich habe, statt danach zu streben, was ich nicht habe.
  • Ich muss wieder lernen, meine Gefühle auszudrücken, statt sie zu unterdrücken.
  • Und am wichtigsten, ich muss mehr Zeit mit meinen Liebsten verbringen.

Heiermann, mit seinen 19 Monaten, gestaltet instinktiv sein Leben so, dass es ihn glücklich macht. Mir ist dieser Instinkt irgendwann abhanden gekommen.

Es ist so ungeheuer wichtig die richtige Perspektive im Leben zu behalten. Die wirklich wichtigen Dinge nicht aus den Augen zu verlieren. Die Prioritäten richtig setzen.

Zum Glück erinnert mich Heiermann täglich daran.

Ich kann viel von ihm lernen.

 

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15 Kommentare

  1. Hallo Nico!
    Dieser Artikel ist sehr schön und emotional geschrieben.

    Von Kindern kann man viel lernen!

    Mit meinen zarten 19 Jahren kann ich mir natürlich noch nicht vorstellen, was es heißt, ein Kind zu haben

    Du wirkst aber sehr glücklich darüber. Und so soll es auch sein!

    Ich wünsche dir nur das beste für die Zukunft!

    MFG Philipp

  2. Hallo Philipp,

    Vielen Dank.

    Lass Dir ruhig noch Zeit. Nutze die 20er lieber um Dir eine Existenz aufzubauen. Es ist einfacher Gas im Job zu geben, wenn Du keinen kleinen Scheisser Zuhause hast.

    VG, Nico

  3. Hallo Nico,

    großartiger Text – einfach klasse auf den Punkt gebracht!

    Mein Kleiner ist grad 3 geworden und ich kann Deine Gedanken zu 100% unterstreichen. Das Leben hat sich seit seiner Geburt von den Prioritäten komplett geändert und man bekommt automatisch eine ganz anderen Sicht auf die wirklich wichtigen Dinge.

    Mein derzeitiger Fokus:
    „Ich will versuchen, mehr den Moment zu genießen, mir weniger Sorgen um die Zukunft zu machen.“

    Angesichts der Großwetterlage in der Welt fällt dies zunehmend schwerer. Das Wort Verantwortung hat als Vater eine ganz andere Bedeutung bekommen.

    Vielen Dank für diesen Beitrag!
    Hans

  4. Hallo Hans,

    sehr gerne. Ich wollte in der Vorweihnachtszeit gerne etwas abseits der reinen Finanzen schreiben. Über dieses Thema hatte ich mir schon seit längerem Gedanken gemacht. Es passte daher ganz gut.

    Genieß die Weihnachtszeit mit Deinem Kleinen. Drei Jahre ist ein tolles Alter! Da ist bestimmt noch Action mit dem Weihnachtsmann angesagt. Wenn ich mich recht erinnere, geht es doch bald bei Euch auch wieder los mit dem nächsten Scheißerchen. Schlaf noch mal schön aus (und durch) über die Feiertage.

    LG, Nico

  5. Beim Lesen wurde mir richtig warm ums Herz. Nichts ist wichtiger als die Familie. Das vergisst man bei all dem Alltagsstress vil zu oft. Man arbeitet, um der Familie ein schönes Leben zu bieten, aber in so jungen Jahren versteht ein Kind das noch nicht. Kinder brauchen einen Papa, der für sie da ist. Ich hoffe, dass der Kleine sich prächtig entwickelt und ihr noch viele Vater-Sohn-Momente genießen könnt.

  6. Hallo Nico,

    wie recht du hast.
    Meine Prinzessin ist jetzt zwar erst knapp 6 Monate alt, aber es ist erstaunlich, wie schnell sich die eigenen Prioritäten ändern. Man merkt jetzt erst so recht, dass manche Überstunde früher wohl doch nicht so wichtig gewesen ist, wenn es jetzt plötzlich auch ohne regelmäßige 12 Stunden Tage läuft. Zeit mit der Familie ist das wichtigste. Auch wenn aktuell selten an ausschlafen zu denken ist, so ists ne tolle Erfahrung, wie sich der eigene Blick auf die Dinge so schnell ändern kann.

    Ich wünsche eine besinnliche Weihnachtszeit.
    viele Grüße

    1. Hallo AndyMcCandy,

      das mit dem Schlafen wird irgendwann besser! Ansonsten würde Heiermann auch Einzelkind bleiben 🙂 . Die ersten 9 Monate nach der Geburt waren wirklich schwer. Es ist erstaunlich mit wie wenig Schlaf man auskommen kann, wenn es sein muss.

      Dir wünsche ich auch ein schönes Fest.

      Nico

  7. Ein gaaanz gaaanz toller Artikel.
    Wäre das nicht toll,wenn wir im Erwachsenenleben die Dinge wieder auf Ihre Einfachheit runterbrechen könnte?
    Mann sollte sich, wie Dein Sohm, öfter an die kleinen DInge des Lebens erfreuen. Wäre doch was, als guten Vorsatz für 2016.

  8. Ist Heiermann eigentlich ein Synonym? Wikipedia sagt, dass der Begriff „umgangssprachlich für das 5-Mark-Stück“ steht. War mir aber nicht geläufig. Wohne aber auch in der Schweiz.

    1. Ja, das ist der Blog Name für unseren Kleinen. Die Beschreibung stimmt so. Ich hatte früher des Öfteren mit einem Heiermann gezahlt. Au Backe, daran erkenne ich, wie alt ich schon bin…

      Meine Frau findet diesen Namen übrigens ganz schrecklich und beschwert sich regelmäßig darüber 🙂

      1. Hallo Nico,

        auch wenn ich in meiner Kindheit ebenfalls ein Fan von 5 Mark-Stücken war (die gab es regelmäßig von Opa) muss ich deiner Frau zustimmen: Heiermann geht wirklich gar nicht! Frag mich nicht wieso aber mich schaudert es jedes Mal, wenn ich das in Bezug auf deinen Kleinen lese… 😉 Sorry!

        Davon abgesehen aber ein großes Lob für deinen Blog – von einem Leser der ersten Stunde! 🙂

        Viele Grüße
        Tommy

        1. Hallo Tommy,
          Endlich erhört mich jemand! Dass ich Heiermann schrecklich finde (den Namen, nicht das Kind 😉 ) hab ich meinem Gatten schon von Anfang an mitgeteilt. Unseren eigentlichen Spitznamen Mausito fand er wohl nicht Finanzglück-mäßig genug.

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