Vom Nestbautrieb und Baby-Blues

Lieber werdender Vater,

Bald wirst Du ein Wunder erleben. Etwas so spektakulärer Schönes, dass Du Dich Dein Leben lang daran erinnern wirst. Die Geburt Deines ersten Kindes wird alles verändern. Du kannst Dich von ganzen Herzen darauf freuen.

Gleichzeitig wirst Du Dich aber auch mit Neuem konfrontiert sehen, was Du nicht verstehst oder einschätzen kannst. Es gibt Phänomene, vor und nach der Geburt, die einen werdenden Vater überraschen und überfordern können.

Ich rede über die Dinge, die Du wohl nicht in Büchern oder Zeitschriften liest. Von denen Du vielleicht mal gehört hast, aber nicht wirklich Bescheid weist. Du wirst ratlos sein. Nicht verstehen, was Deine Liebste tut und vor allem warum?

Keine Angst. Ich werde Dir helfen. Bei Groschens Geburt kamen bei mir einige Erinnerungen hoch. Es waren Erlebnisse, die sich fast genauso schon einmal abgespielt hatten. Vor zwei Jahren. Bei Heiermanns Geburt.

Der Nestbautrieb

Wir halten uns für die überlegende Rasse im Tierreich – mit freiem Willen, Daumen und kognitiven Fähigkeiten. Wer kann da schon mithalten?

Ganz ehrlich, manchmal kommen mir erhebliche Zweifel. Zumindest beim Thema Nestbautrieb sind wir den Mäusen und Hamstern wohl ähnlicher als uns lieb ist.

Du wirst bei Deiner Liebsten mit zunehmendem Bauchumfang – meist ab dem 5. Monat – einige Veränderungen wahrnehmen.

Zunächst macht es Dich nur stutzig.

Warum putzt sie denn plötzlich täglich die Wohnung? Das ist doch sonst nicht so ihr Ding.

Warum müssen wir jetzt schon das Kinderzimmer bis ins allerletzte Detail dekorieren? Das Baby wird doch eh erst mal bei uns im Zimmer schlafen?

Dann fängst Du an Dich ernsthaft zu wundern.

Was sind denn all diese teuren Abbuchungen auf dem Konto? Und was zur Hölle ist ein Vaporisator, Bugaboo oder Tripp Trapp?

Warum bügelt sie jeden einzelnen Babybody und jedes Söckchen? Meine Socken hat sie noch nie gebügelt.

Schließlich geht es auf die Zielgeraden der Geburt – und es wird richtig abgefahren.

Warum muss ich jeden zweiten Tag die Möbel im Kinderzimmer hin- und herschieben, bis sie vermeintlich perfekt stehen?

Warum sortiert sie die Strampler in der Kommode – und eigentlich alles im Haus – immer und immer wieder?

Please Mr Postman

Du siehst schon, es muss alles perfekt sein für das Baby. Da gibt es keine Kompromisse. Der Nestbautrieb ist ein machtvoller Ur-Instinkt. Das Nest muss gemacht sein, bevor das Küken schlüpft.

Und wenn Du jetzt denkst, das ist nur beim ersten Kind so, dann hast Du Dich getäuscht. Ich habe mich auch in vermeintlicher Sicherheit gewogen.

Ein paar Monate vor Groschens Geburt fielen mir beim Update unseres Old-School-Haushaltsbuchs die diversen Amazon- und Ebaybestellungen auf. Seltsam. Eigentlich haben wir doch alles?

Weit gefehlt. Plötzlich wurden Dinge angeschafft, die wir für Heiermann nicht hatten und auch nicht wirklich vermissten.

Je näher wir dem Entbindungstermin kamen, desto schneller wurde die Schlagzahl der Bestellungen. Auf der Zielgeraden hat der Nestbautrieb noch mal voll zugeschlagen. Die Päckchen kamen täglich.

Wie sollst Du mit dieser Situation umgehen?

Mein Lieber Freund, lass Dir eins gesagt sein:

Denk gar nicht erst daran, Deiner Liebsten diesen Kram ausreden zu wollen.

Du kannst hier nicht logisch argumentieren. Das bringt nichts. Monate nach der Geburt werdet Ihr beide gemeinsam darüber lachen. Aber jetzt halte lieber den Kopf unten. Biete Deine Hilfe an, wo es Sinn macht und lass es ansonsten einfach laufen. Tausende Jahre Evolution sind überzeugender als Deine Einwände. Gefährde nicht den Familienfrieden.

Und wenn Du den Nestbautrieb schon seltsam fandst, dann wird es jetzt richtig abgefahren.

Der Baby-Blues

Vom Nestbautrieb hatte ich auch schon vor Heiermanns Geburt gehört. Daher hatte ich eine grobe Idee. Aber der Baby-Blues hatte mich völlig überrascht.

Bei Schwangerschaft und Geburt fahren die Hormone der Frau Achterbahn. Die Umstellungen sind gewaltig. Etwas Vergleichbares gibt es bei uns Jungs nicht.

Während der Geburt schießt das Adrenalin durch den Körper Deiner Liebsten und sinkt danach schließlich stetig ab. Die Schwangerschaftshormone verabschieden sich. Gleichzeitig fährt die Produktion der Muttermilch von null hoch auf volle Pulle. Hinzu kommt ein wilder Cocktail an Gefühlsveränderungen.

Diese extremen Hormonschwankungen haben Nebenwirkungen. Sie halten nicht lange an. Meist nur einige wenige Tage nach der Geburt. Aber da geht es dann ab.

Hier kommt der Baby-Blues

Es gibt verschiedene Nebenwirkungen. Die wohl am stärksten ausgeprägte wird sehr wahrscheinlich auch auf Deine Liebste zutreffen:

In Tränen ausbrechen, ohne zu wissen warum.

Nicht umsonst wird der Baby-Blues im Volksmund auch „Heultage“ genannt.

Und hier hat sich Frau Finanzglück auch bei Groschens Geburt nicht lumpen lassen!

Es war die wahre Pracht.

Das zahlen wir nicht!

Folgende Szene: Wir verlassen nach zwei Tagen das Krankenhaus mit einer dauerschlafenden Groschen. Ich mache pflichtbewusst den Packesel und schleppe Kinderschale, Umhängetaschen und Koffer durch die Krankenhauslobby. Frau Finanzglück geht nur noch schnell die Telefonkarte an der Rezeption abgeben.

Warum dauert das so lange? Ich werfe einen Blick zum Tresen rüber. Ich kann meinen Augen kaum trauen.

Da steht eine Rotz-und-Tränen-weinende Frau Finanzglück und diskutiert mit einer völlig perplexen Rezeptionistin. Irgendwie scheint die Lage eskaliert zu sein.

Ich sprinte mit Kind und Gepäck rüber, um meiner Frau beiseite zu stehen. Was ist bloß passiert? Hat die böse Frau etwa meine Liebste beleidigt? Wurde Frau Finanzglück eine schlimme Nachricht übermittelt?

Nein, nichts dergleichen. Auf der Telefonkarte wurde ein Gespräch abgerechnet, welches wir nicht geführt hatten…

Typisch Baby-Blues! Wegen vermeintlichen Nichtigkeiten geht das große Geheule los. Frau Finanzglück war völlig verzweifelt, da sie selber nicht verstand, warum sie denn jetzt weint. Die Rezeptionistin war auch sichtlich überfordert mit der Situation. Sie hat uns alle Gebühren erlassen. Hauptsache wir verschwinden.

Verkneif Dir das Lachen!

Ich bin mir sicher, Dich wird es auch irgendwann treffen. Mein Rat an Dich: Nehme Deine Liebste in den Arm und zeige Verständnis. Es wird schwer sein nicht zu lachen. Dafür ist es einfach zu komisch. Spare Dir das Grinsen auf für später, wenn die Heulattacke vorbei ist.

Dafür darfst Du die Story dann beim nächsten Treffen mit Freunden und Familie in allen Einzelheiten zum Besten geben.

 

Das waren meine Erfahrungen zum Nestbautrieb und Baby-Blues. Ich hoffe Du bist jetzt gut gerüstet für Dein großes Abenteuer.

Zum Abschluss gebe ich Dir noch ein paar Tipps mit auf den Weg:

Worauf kannst Du Dich am meisten beim Baby freuen?

Die Grimassen des Babys beim Aufwachen. Es gibt nichts Lustigeres! Die kleinen haben eine Mimik, die selbst einen Samy Molcho erblassen lässt.

Wie beruhigst Du Dein schreiendes Baby?

Versuch es mal mit „The Hold“. Wenn das nicht geht, dann nehme Dein Baby in den Arm und tanze mit ihm den Andree Wiedener*. Beides funktioniert (meist).

Worauf musst Du bei der Auswahl des Krankenhauses achten?

Gute Parkmöglichkeiten. Die Logistik wird Dein wichtigster Teil bei der ganzen Veranstaltung. Ansonsten bist Du Statist. Wenn Du zwischen zwei Krankenhäusern (mit guten Parkmöglichkeiten) wählen kannst, dann nimm das mit der Currywurst-Bude nebenan.

Jetzt kann das Kind kommen 🙂

 

Kanntest Du schon den Baby-Blues oder Nestbautrieb? Bist Du vielleicht schon Mutter oder Vater und kannst das obige bestätigen oder auch nicht? Ich freue mich schon auf Deinen Kommentar.

 

* Das ist der Tanz in der Werder-Kurve, den wir bei Siegen gerne tanzen. Hat bei Heiermann Wunder gewirkt. „Nach links, nach rechts, bewegt Eure Hüften, und tanzt den Andree Wiedener!“. Einfach mal googlen.

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11 Kommentare

  1. Ich weiß ja grade nicht, ob ich lachen oder Angst haben sollte. Die üblichen Stimmungsschwankungen reichen mir ja immer schon :D. Diese Schwankungen zum Quadrat hören sich jetzt nicht so berauschend an. Aber hat ja einen schönen Grund.

    In dem Moment heißt es dann wohl wirklich. Klappe halten, machen und langsam mit der Zeit wieder ran tasten. Vielleicht noch ein bisschen Geld auf unbekannten Konten sichern 😉

    Naja ein paar Jahre sind dafür noch Zeit. Aber wirklich vorbereiten kann man sich auf die Situation ja nicht wirklich. Oder hast du noch Tipps?

    1. Moin Mafis,
      Wenn Kinder auf der Agenda stehen, dann behalte einfach nur eine Sache im Hinterkopf: Wenn sie erst mal da sind, wirst Du viele lustige Sachen für eine ziemlich lange Zeit nicht mehr machen können. Damit meine ich die abgefahrenen Dinge, die Dir persönlich wichtig sind.
      Bei mir waren das unter anderem alle Kontinente (mit Rucksack) bereisen, viele Ausdauersport-Events mitnehmen und einen (fast) Sechstausender besteigen. Du kannst vieles auch mit Kindern machen, aber es wird anders werden. Wenn die Kleinen erst mal Älter sind, und Du wieder „frei“ bist, dann bist Du selber auch ein anderer Typ.
      Versteh mich nicht falsch, Urlaube etc. mit Kindern sind auch witzig, aber halt anders. Du musst immer Rücksicht nehmen.
      Von daher gib jetzt Vollgas! Die Uhr tickt 🙂
      VG, Nico

  2. Haha – ich bestätige hiermit alle aufgeführten Punkte. Beim zweiten Kind ist zwar etwas weniger Zeit, um sich im „Nestbautrieb“ gänzlich auszutoben. Aber er kommt trotzdem durch, wenn es die Zeit hergibt.

    Nur das mit den „Socken bügeln“ kenne ich so nicht. Hätte mich bei meiner Frau aber nicht gewundert. Ich frag mal nach was da schief gelaufen ist 😂

  3. So oder so ähnlich wars!
    Ich kann sehr empfehlen ein „Familienzimmer“ zu buchen, wenn das Krankenhaus so etwas ermöglicht.
    Insbesondere wenn es das erste Kind ist – so kann man der Mutter ein bisschen Stress abnehmen und der Realitätsschock (Babyblues) wird vielleicht nicht so heftig…

    Aber hey: Glückwunsch zur Tochter!

    1. Bei Heiermanns Geburt hatten wir auch ein Familienzimmer gebucht. Das war wirklich schön und definitiv das Geld wert. Bei Groschens Geburt war leider alles belegt. Da gab es nur noch Doppelzimmer.

  4. Einen Zusatz noch zum Beitrag.
    Derzeit ist Frau Finanzglücks Schwester zu Besuch. Die Gute ist Hebamme. Ich habe sie gefragt, wie viele Männer denn bei der Geburt in Tränen ausbrechen. Sie schätzt die Zahl auf über 80%. Nichtweinende Männer sind klar die Ausnahmen.
    Dann bin ich ja beruhigt 🙂

  5. Für das Krankenhaus immer schön was zu Essen einpacken. Bananen sind gut.
    Wenn sich abzeichnet, dass eine Nachtschicht ansteht, bestellt die Pizza bevor alle Lieferdienste zu haben 😉 Wenn schon alles zu hat (und man sich für 30 Minuten losreissen kann/darf), ist die beste Chance ein McDonalds oder Burger King, die haben zumeist lange offen.

    Handyladekabel mitnehmen! Nach x Stunden Warterei ist sonst der Akku platt, bevor das erste Bild gemacht wurde …

    Ansonsten zum Thema Emotionen … man kann ja heutzutage auf viele verschiedene Arten gebären, z.B. ohne PDA in der Wanne, im Geburtshaus und so weiter und sofort. Wenn das angedacht ist, habt immer einen Plan B, da diese Geburtsvarianten nur im best case funktionieren und/oder nur am erdachten Ort (Beispiel: Baby kommt zwei Woche früher und das Geburtshaus ist gerade zu weit weg, weil man bei Freunden ist). Die Dame sollte also die erfolgreiche Geburt nicht vom Vorhandensein der Lieblings-CD abhängig machen!! Das hat man im Zweifelsfall einfach nicht im Griff und wenn dann der fünfseitige „Geburtsplan“ nicht aufgeht, ist das Theater riesen groß!
    Also, in Gedanken auch immer die ordinäre 0815 Geburt als mögliche Option offen lassen (und ansprechen). Einfach um mental darauf vorbereitet zu sein.

    Ich habe bei der Geburt übrigens nicht geweint. Dazu war ich a) zu müde (wir hatten die gemächliche Variante ;-)) und b) von der „Technik“, Biologie etc. irgendwie zu stark abgelenkt. Typisch Ingenieur. Im nächsten Leben werde ich dann Arzt.
    Übrigens können auch die Väter nach der Geburt emotional ein wenig von der Rolle sein. Ebenso alle anderen, die „dicht“ dran sind. Hat dann zwar weniger mit Schwangerschaftshormonen zu tun, aber wohl mit dem Eintreten oder Nicht-Eintreten von (übersteigerten) Erwartungen. Erstes Kind und man erkennt sich selbst im zerknautschten Gesicht nicht wieder? Uhm. Hat man sich anders vorgestellt.
    Der größte Schock, ist Freunden passiert: Irrtum im Geschlecht! War dann doch ein Junge und kein Mädchen. Wie nennen wir das Kind noch gleich …

    1. Na so langsam kommen wir hier ja auch einen vollständigen Ratgeber für den werdenden Vater!

      Bezüglich PDA hatte ich auch ein Déjà-vu. Heiermann und Groschen wurden in verschiedenen Krankenhäusern geboren. In beiden Fällen hatte Frau Finanzglück nach einer PDA gefragt. Beide Male hieß es „wir versuchen es erst mal mit den leichteren Schmerzmitteln“. Das ging dann recht zügig über zu „jetzt ist es für die PDA leider zu spät“. Da scheint System hinter zustecken 🙂

      Was haben wir uns vorher einen Kopp gemacht wie die Geburt ablaufen soll (bloß nicht auf dem Rücken liegend gebären!). Nur um das dann alles komplett über den Haufen zu werfen, als es losging. Dann herrscht eher Anarchie in dem Schuppen und die Stärkste, sprich die Hebamme, gibt die Marschrichtung vor. Lieber weniger Gedanken machen und schauen wie es läuft.

  6. Wenn ich das so lese….ich glaube, ich brauche eine Liste, sonst vergesse ich zuviel bei dem ganzen Input 😀

    VG und viel Erfolg am Samstag gegen die Eintracht
    Mitro

  7. Hi Nico,

    auch wenn es bei mir so wie es scheint noch etwas dauert mit einem Kind (am liebsten eine Tochter 🙂 ), wie bringt man einem Kind denn bei das es Sparsam sein soll, nicht all sein Geld für Spielzeug später ausgeben sollte und ggf. auch in Aktien (oder ETF) investieren sollte?

    Ich kann eigentlich gar nicht sagen wie das bei mir war, so wirklich direkt beigebracht wurde mir das Sparen eigentlich nicht, kann aber auch nicht mit 100%er Wahrscheinlichkeit sagen, dass ich mir das selbst angeeignet habe. Es kam einfach.

    Ich erinnere mich nur an ein Erlebnis: Schon als Jugendlicher habe ich beim PlayStation spielen – damals Gran Tourismo 2 – kein teures Auto kaufen wollen, sondern immer einen Mindestbetrag auf meinem Konto belassen wollen 🙂

    Ich glaube ich habe einen Hang zu großen Zahlen auf einem Konto.

    Liebe Grüße, Gurki

    1. Moin Gurki,

      ich glaube nicht, dass Du Deinem Kind irgendwann Sparsamkeit beibringen kannst. Lebe es einfach vor und dann wird der/die Kleine schon von ganz alleine auf den Trichter kommen (hoffentlich). So war es auch bei mir und meinen Eltern.

      Es ist schon erschreckend, wie ähnlich wir unseren Eltern sind – ob wir wollen oder nicht 🙂

      VG, Nico

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